Die Jagd auf Ligaprimus Dortmund beginnt

Borussia Dortmund hat sich einen Vorteil im Kampf um die Meisterschaft verschafft.

Die Jagd auf Ligaprimus Dortmund beginnt

Doch die Konkurrenz hat noch nicht aufgegeben. Aber wie stehen die Chancen von FC Bayern, Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig?Wenn es nach Julian Nagelsmann ginge, dann sollte sich der FC Bayern nicht so sicher sein: Denn nicht allein der deutsche Rekordmeister meldet Ansprüche darauf an, Borussia Dortmund bis spätestens zum Saisonende von der Spitzenposition der Bundesliga-Tabelle verdrängt zu haben.

Auch sein Team, 1899 Hoffenheim, hatte sich vor Saisonbeginn vorgenommen, vielleicht mal ganz oben zu stehen. Bei nun aber 17 Punkten Rückstand ist dieses Ziel für die Kraichgauer nur Utopie. Aber Nagelsmann und sein Team könnten das Zünglein an der Waage im Titelkampf sein.

Am Freitagabend (20.30 Uhr MEZ) kommt der FC Bayern München zum Auftakt der Rückrunde nach Sinsheim. Und der Rekordmeister dürfte der ernsthafteste Aspirant sein, wenn es darum geht, Borussia Dortmund doch noch vom Bundesliga-Thron zu stoßen. "Bayern hat zwar nach einer zwischenzeitlichen Krise wieder richtig Fahrt aufgenommen, sie sind aber trotzdem unter Druck, sollten sie das Spiel nicht gewinnen können", sagt Nagelsmann. "Es wird sich viel an diesem Spieltag entscheiden."

Kehrt Ruhe beim FC Bayern ein?

Die Münchner haben sich in der Winterpause jedenfalls selbst zum ersten Dortmund-Jäger in der Bundesliga ernannt. "Wir müssen und wollen gewinnen. Wir wollen weiterhin erfolgreich bleiben. Und: Wir wollen Meister werden und ich will Meister werden", sagt Niko Kovac. Dieser Optimismus wird von einem Bayern-Coach selbstverständlich erwartet, aber: Auch das Trainingslager in Katar war intensiv aber keineswegs störungsfrei. Franck Ribéry brachte nicht nur die Affäre um das "Goldene Steak" mit auf den Trainingsplatz, sondern verletzte sich zu allem Überfluss noch heftig (Muskelbündelriss). Weitere Diskussionen prägten das Bild.

Die Unruhe rund um die bereits begonnene Erneuerung der Mannschaft hält weiter an. Muss Innenverteidiger Mats Hummels sich weiterhin überwiegend mit einem Platz auf der Bank zufrieden geben? Findet Jerome Boateng zurück zu seiner alten Form oder wird wieder Kritik an Hummels' eigentlichen Partner in Abwehrzentrum laut? Und bleibt Spielmacher James weiterhin eher eine Randfigur im Münchner Spiel und denkt noch lauter über einen Wechsel nach? Weitere Ansatzpunkte für mögliche interne Dissonanzen ließen sich derzeit beim Rekordmeister mühelos finden.

Das alles wollen die Münchner ausblenden und die Aufholjagd am Freitagabend starten. Doch sie wissen ganz genau: Unter der Oberfläche lodert ein Feuer, das sich bei weiteren negativen Erleb- und Ergebnissen ganz schnell zu einem Flächenbrand ausbreiten kann. Kovac und der FCB bräuchten wohl eine fast perfekte Rückrunde, sowohl auf als auch neben dem Fußballplatz, wollen sie ihr Vorhaben, den derzeitigen Sechs-Punkte-Rückstand aufzuholen, noch in die Tat umsetzen.

Mönchengladbach von sich selbst irritiert

Sollte dies den Münchnern nicht gelingen, könnte Borussia Mönchengladbach der Nutznießer sein. Die Fohlen liegen neun Punkte entfernt von den Dortmundern und könnten den Westfalen ebenfalls noch sehr gefährlich werden. Allerdings erscheint die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking bislang eher irritiert - als wundere sich sich die ganze Zeit über sich selbst. Es läuft am Niederrhein. Aber niemand scheint diesem Erfolg so richtig zu trauen - zumindest nicht nachhaltig. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind aus Mönchengladbach keine (Erfolgs-) Prognosen in Richtung Saisonende zu vernehmen.

"Man konnte dies in dieser Form nicht erwarten", sagt Hecking. "Wir haben einige Dinge verändert und ein paar gute Spieler hinzubekommen." Die veränderte Taktik, die mehr Kreativität und Flexibilität zulässt, ist sicherlich ein Schlüssel zum Höhenflug der Gladbacher. Damit hat die Borussia schließlich sämtliche Heimspiele in dieser Saison gewonnen.

Aber vielmehr dürfte das veränderte Personal entscheidenden Einfluss auf die Darbietungen haben. Vor allem Mittelfeldstratege Florian Neuhaus macht den Unterschied und hebt das Niveau des Teams an. Und auch Neuzugang und Angreifer Alassane Plea müsste weiterhin so treffsicher bleiben (17 Bundesligaspiele/ 9 Tore).

Viel wird aber zudem davon abhängen, ob die Etablierten wie Nationalspieler Lars Stindl oder auch Raffael in der Rückrunde verletzungsfrei bleiben. Dann könnten die Elf vom Niederrhein sogar die ganz große Überraschung in dieser Saison werden - vor allem für sich selbst.

Leipzig muss sich aufs Wesentliche konzentrieren

Auch RB Leipzig könnte noch nach den (Meisterschafts-) Sternen greifen. Allerdings ist der Abstand der Sachsen auf den BVB bereits auf elf Punkte angewachsen. Viel dürfte beim Team von Trainer Ralf Rangnick nicht mehr schiefgehen, will die Mannschaft tatsächlich noch ins Titelrennen eingreifen.

Vor allem müsste der langzeitverletzte Emil Forsberg wieder zum Team stoßen und das Niveau mit seinem Passspiel anheben. Zudem müssten die Diskussionen um die Zukunft von Nationalspieler und Angreifer Timo Werner zügig beendet werden, damit sich alle Beteiligten auf das Wesentliche konzentrieren können und sich nicht von Personalthemen ablenken lassen müssen. Es ist allerdings fraglich, ob das sehr junge Team (Durchschnitt 23,6 Jahre) über die gesamte Zeit die Konstanz aufbringen kann.

Rangnicks öffentlich geäußertes Ziel ist es, das Team am Saisonende mindestens in die Champions League zu führen. Doch wer den äußerst ehrgeizigen, 60 Jahre alten Fußballlehrer kennt, kann sich ausmalen, dass Rangnick insgeheim auf den Titel hofft. Sagen würde er dies allerdings nie.

Den ersten Schritt könnten die Sachsen bereits am Samstagabend machen, denn da kommen die Dortmunder zum Auftakt nach Leipzig.

Favre muss Konzentration der Spieler hochhalten

Für den augenblicklichen Ligaprimus aus Dortmund ist die Lage so angenehm wie ungemütlich. Angenehm, weil der Vorsprung auf die Konkurrenz sogar zwei weitere Durchhänger zuließe und der BVB noch immer mitten im Titelrennen stecken würde. Ungemütlich, weil die Konkurrenten versuchen werden, den Druck auf das Team von Lucien Favre so hoch wie möglich zu halten.

"Es ist wichtig, dass wir weiter sehr gut und sehr hart trainieren. Ich spreche nicht von Chancen, Meister zu werden", sagt Favre. "Wir wollen wirklich immer unser Bestes geben. Dann werden wir sehen." Der Schweizer ist ein Meister darin, sämtliche Ziele zu verbergen und die die Öffentlichkeit im Unklaren zu lassen. Er ist allerdings auch ein Meister darin, seine Mannschaften und seine Spieler besser zu machen.

Allerdings hat Sportdirektor Michael Zorc die BVB-Spieler kurz vor Rückrundenbeginn dazu angemahnt, in den "Kampfmodus" zurückzufinden. Es wird die große Aufgabe Favres sein, die jungen Shootingstars wie Jadon Sancho, Achraf Hakimi oder Jakob Bruun Larsen in der Konzentration zu halten. Und er muss darauf hoffen, dass seine Schlüsselspieler wie der überragende Marco Reus und die starken Axel Witsel sowie Thomas Delaney bis in den Sommer zur Verfügung stehen.

Die Dortmunder haben nicht nur aufgrund ihrer hervorragenden Ausgangsposition die besten Chancen, sich in dieser Saison den Meistertitel zu sichern. Der sportlichen Führung um den sehr erfahrenen, 61 Jahre alten Favre gelingt es bislang außerdem, irritierende Diskussionen von der Mannschaft fern zu halten - sollte dies so fortgeführt werden können, dürfte dies der entscheidende Vorteil im Kampf um die Schale sein.
Autor: Jörg Strohschein