Fußball in China: Der Riese erwacht langsam

Nach horrenden Investitionen in ausländische Spieler soll nun ein langfristiger Kulturwandel die Chinesen an die Weltspitze führen.

Fußball in China: Der Riese erwacht langsam

Das Viertelfinale bei der Asienmeisterschaft ist dabei ein wichtiger Gradmesser.Wenn man Marcello Lippi fragt, warum das Land mit der größten Bevölkerung der Welt nicht zu den größten Fußballmächten gehört, dann atmet er kurz durch und schaut kritisch in die Runde der anwesenden Journalisten. "Das Wichtigste ist, dass wir weiter in den Nachwuchs investierten", sagt der italienische Trainer, der seit 2016 das Nationalteam Chinas betreut. "Es hat sich schon viel verbessert, aber wir brauchen verlässliche Strukturen, damit wir Talente schneller finden und an die Spitze führen."

Die 17. Asienmeisterschaft, die noch bis zum 1. Februar in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfindet, ist ein Gradmesser. 2015 hatte Staatspräsident Xi Jinping das Ziel formuliert, dass China bis 2050 auch im beliebtesten Sport an die Weltspitze vordringen solle. Die Leistungen nun am Golf legen nahe: Die Basis ist vorhanden, aber die nächsten Entwicklungsstufen sind noch unklar. Nach einer durchwachsenen Vorrunde gewannen die Chinesen am Sonntag in Al Ain ihr Achtelfinale 2:1 gegen Thailand. Im Viertelfinale treffen sie am Donnerstag auf Iran. Wichtiger als gute Ergebnisse ist für sie aber etwas anderes: der Aufbau einer Fußballkultur, in der aus jungen Fans leidenschaftliche Spieler werden - und aus Spielern dann Weltstars.

Neue Regeln sollen einheimische Talente stärken

Immer wieder haben andere Nationen versucht, der europäischen Fußballhoheit etwas entgegen zu setzen: die USA in den 1970er Jahren mit Verpflichtungen von Pele oder Franz Beckenbauer, Japan mit dem Aufbau der J-League zwei Jahrzehnte später. Auch Russland wollte seinen Spielbetrieb Anfang des Jahrtausends mit internationalen Spielerikonen beleben, ebenso kleinere Golf-Staaten wie Katar oder die Emirate. China lehnte sich zunächst an diese Modelle an und merkte schnell, dass massive Investitionen nicht automatisch für Nachhaltigkeit sorgen.

Die Transfersummen, die chinesische Vereine in den Markt pumpten, "ließen die erfolgreichsten Vereine der Welt fast mittellos erschienen", schrieb Felix Lill in der "Zeit", der seit Jahren auch den Fußball in Ostasien beobachtet. Ob der Argentinier Carlos Tevez oder die Brasilianer Oscar und Alex Teixeira: Spieler mit großen Namen wurden für Jahresgehälter von mehr als 20 Millionen Euro gelockt. Marcello Lippi, Weltmeister mit Italien 2006, gilt als bestbezahlter Trainer der Welt. Und Cristiano Ronaldo hätte in China angeblich 100 Millionen Euro verdienen können.

Nach der ersten Ernüchterung über die zögerliche Entwicklung des chinesischen Ligabetriebs scheint sich nun ein Wandel zu vollziehen. "Es dürfen nur noch vier Ausländer im Kader eines Klubs stehen, davon maximal drei auf dem Feld", sagt Ai Ting Ting, Reporterin des chinesischen Staatsfernsehens CCTV. Überdies muss stets ein Chinese unter 23 Jahren spielen. Das Ziel: Die jungen Einheimischen sollen sich an den internationalen Leitfiguren orientieren. So könnte das Interesse der Fans wachsen, die sich bislang leichter für Liverpool, Bayern oder Barcelona begeistern ließen. Auch die Gunst der Sponsoren soll für die Super League steigen. Und vor allem: die Qualität des Nationalteams.

Investoren knüpfen mit Fußball Kontakte zur Politik

Doch ausgemacht ist der weitere Aufstieg noch nicht. "Der chinesische Fußballverband wird von vielen Seiten mit politischen und wirtschaftlichen Forderungen konfrontiert", sagt der Reporter John Duerden, der für britische Medien über den asiatischen Fußball berichtet, unter anderem für den "Guardian". So wie der Verband sind zahlreiche Erstligaklubs mit Großunternehmern und Konzernen verbandelt, vor allem aus der Immobilienbranche. Nicht immer sei klar, sagt Duerden, ob die Investoren tatsächlich Interesse am Fußball haben. Stattdessen können sie mithilfe der Vereine ihre regionalen Netzwerke stärken, insbesondere zu Entscheidern des Parteiapparates.

Und an der Basis? Bislang galt Fußball in China nicht als Chance für den schnellen sozialen Aufstieg. Eltern, die es sich leisten konnten, gaben viel Geld für die Schulbildung ihrer Kinder aus. Als Antwort darauf wird nun der Fußball im Sportunterricht gestärkt. Bis 2025 sollen landesweit tausende spezielle Trainingseinrichtungen entstehen. Rekordmeister Guangzhou Evergrande ließ sich von Real Madrid beraten, um eine der größten Fußballakademien der Welt zu etablieren, mit mehr als fünfzig Spielfeldern für 3000 Jugendspieler. Mit etlichen Verbänden - unter anderem dem DFB - und Klubs in Europa und Südamerika baut China Kontakte auf, für den Austausch von Trainern, Wissenschaftlern, Medizinern und Technikern. Jugendteams sollen bei Testspielen im Ausland Erfahrungen sammeln, zumindest in Deutschland hat das wegen der Menschenrechtsverletzungen in China auch Proteste ausgelöst.

In Teamsportarten hat China noch nicht aufgeschlossen

In Europa ist der Fußball über anderthalb Jahrhunderte gewachsen. Wie schnell greifen die Konzepte in China? "Das Konkurrenzdenken in der chinesischen Gesellschaft ist stark ausgeprägt, Ehrgeiz und Disziplin werden auch im Sport betont", sagt Tariq Panja von der "New York Times", der öfter in China recherchiert hat. Familien unternehmen viel, damit ihre Kinder in die besten Universitäten gelangen. Jugendliche trainieren hart für Olympisches Gold, oft in kasernenartigen Stützpunkten, meist in Einzeldisziplinen. So stießen die Chinesen bei den Sommerspielen ins Spitzenfeld der Nationenwertung vor. "Aber in Teamsportarten konnten sie noch nicht aufschließen", sagt Panja. "Dafür braucht es einen Bewusstseinswandel."

2002 haben sich die Chinesen das einzige Mal für die WM qualifiziert, 2004 scheiterten sie beim Asien-Cup erst im Finale. Ob sie nach Jahren der Stagnation daran nun wieder anknüpfen können? "Der Weg, der vor uns liegt, ist lang", sagt der 70 Jahre alte Marcello Lippi. Er selbst wird nach dem Turnier in Ruhestand gehen. Den Aufbau müssen andere fortsetzen.
Autor: Ronny Blaschke