Hochprozentiges im Hohen Norden: Wie der Rum nach Flensburg kam

Flensburg, im Norden Deutschlands, kurz vor der dänischen Grenze, ist bekannt für sein skandinavisches Flair.

Hochprozentiges im Hohen Norden: Wie der Rum nach Flensburg kam

Weniger für den Rum, der hier seit Jahrhunderten produziert wird. Schade, denn er ist verdammt gut."Los, nicht schnacken, Kopf in Nacken", sagt Malte zu mir, als ich am Hafen stehenbleibe, um den Schiffen nachzuschauen. Er gießt Rum in ein kleines Glas und hält es mir hin. Schmeckt süß und würzig, der Hochprozentige. Und wärmt schön durch. Es war der letzte Schluck. "Wir brauchen Nachschub", ruft der 66-Jährige, der früher als Matrose zur See fuhr und nun mit Pulle und Angel am Kai steht und Heringe fängt.

Wir laufen zum Rumhaus Johannsen, eine der letzten traditionellen Spirituosenfabriken in Flensburg. Dort in der Marienstraße gibt es den besten Rumverschnitt. Verschnitt, klingt zwar nicht so gut, schmeckt aber und hat eine lange Geschichte aufzuweisen: 1885 wurde begonnen, von den karibischen Inseln Rum einzuführen, mit dem sich in Flensburg gut Geld verdienen ließ. Doch bald gab es den Mengenzoll. Die Seefahrer waren von nun an gezwungen, ein Konzentrat mitzubringen, damit die Fabrikanten weiterhin so viel verkaufen konnten wie zuvor. Um den importierten 80-prozentigen Alkohol trinkbar zu machen, wurde er mit Wasser gestreckt, also verdünnt, und mit Kornbranntwein verfeinert. Dieses Verfahren hat sich bis heute erhalten. Der würzige Geschmack des Verschnittes ist mittlerweile viel besser als sein Ruf.

Einst dänische Kolonie

Flensburg hat eine echte Rumtradition - als einzige deutsche Stadt. Einst gehörte sie zu Dänemark. Und Dänemark besaß Kolonien: die Jungferninseln St. Thomas, St. John, St. Croix. Im Flensburger Hafen, der damals größer und bedeutender war als der von Kopenhagen, brachten die Schiffe das begehrte Getränk in großen Fässern mit. Was im 18. Jahrhundert florierte, wurde einhundert Jahre später vom Krieg unterbrochen: Die Stadt ging von Dänemark an Preußen und Österreich. Dadurch verloren die Flensburger Destillerien ihre Rumlieferanten. Ein Äquivalent musste her. Und so begann man nach Jamaika zu fahren, um die Lücke zu schließen.

Reift bis zu 14 Jahre im Fass

Das alles hatte einst der Ururgroßvater von Martin Johannsen miterlebt. Martin führt in vierter Generation das älteste Rumhaus der Stadt. Hinter dem kleinen Laden in der Marienburg, einem mittelalterlichen Kaufmannsspeicher der Altstadt, weht aus dunklen Lagerräumen ein Hauch würzigen Rums, vermischt mit den feinen Aromen von Vanille und rauchigem Holz. Einmal im Jahr kommt die Lieferung aus der Karibik, zwei- bis dreitausend Liter sind es jedes Mal. Mit einer Winde am Lagerhaus werden die Behälter nach oben gezogen und in Holzfässer umgefüllt. Zwischen fünf und sieben Jahre Reifezeit im tropischen Klima Jamaikas hat der Rum bei seiner Ankunft hinter sich. Eigentlich ist er ausgereift und geschmacksintensiv, aber für einen Flensburger Rum sei er noch nicht gut genug, erklärt der junge Mann. Zwölf bis vierzehn Jahre lang muss sich ein Rum entwickeln, bis er in Flaschen abgefüllt wird.

Gut erhaltene Altstadt

Auf dem Weg zurück zum Hafen mache ich mit Malte einen Schlenker durch den Oluf-Samson-Gang. Obwohl die Gasse nicht mehr das ist, was sie mal war, erinnert sie an die Zeit, als die Matrosen einst Geld gegen Lust tauschten. Ende der Sechziger schafften im Flensburger Rotlicht-Millieu 70 Frauen an, vor knapp vier Jahren schlossen die letzten beiden Prostituierten ihre Etablissements. Häuser, die teils aus dem 17. Jahrhundert stammten und nun restauriert wurden. Es war höchste Zeit, die historischen Anwesen auf Vordermann zu bringen, besonders als vom Haus Nummer 3 die Fassade zusammenfiel und Passanten eine "spektakuläre" Kulisse freigab. Abgesehen von solch kleinen Zwischenfällen ist Flensburg baulich gut beieinander, denn die Stadt wurde während des Zweiten Weltkriegs nicht zerstört, Marktplatz, Stadttor, Kirchen sind gut erhalten.

Es ziehen immer mehr Studenten her

Bekannt wurde die 95.000-Einwohner-Stadt auch durch Beate Uhse, die hier 1962 den ersten Sexshop der Welt eröffnete. Der hieß "Fachgeschäft für Ehehygiene", das Angebot umfasste Verhütungsmittel, Dessous, Stimulationsartikel und Bücher.

Nach Flensburg zieht es von jeher Abenteurer, Lebenskünstler, Seemänner, Bootsbauer und Studenten, die gerne in den teils noch preiswerten Höfen der Innenstadt wohnen. In den Höfen gibt es Skater-Läden, Änderungsschneidereien, Galerien, Discos. Gelegentlich schallt aus den geöffneten Fenstern Seemansrock. Der von "Santiano", einer Band, deren Männer allesamt aus Flensburg stammen. Ihre Lieder sind voller Lebenslust, ungebändigter Sehnsucht und wilder Träume. Der Song "Es gibt nur Wasser" ist sehr beliebt, denn darin heißt es: "Wir brauchen Rum, Rum, Rum, sonst verdursten wir." "Stimmt nicht ganz," fügt Malte hinzu. „Denn es gibt ja auch noch das berühmte Flensburger Bier. Aber für mich geht nichts über einen guten Rum!"
Autor: Birgit Weidt