Megaspektakel "Dau" - in Berlin verboten, in Paris gefeiert

Der verrückteste Filmdreh aller Zeiten? Das Kunstprojekt "Dau" des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky feiert am Donnerstag Weltpremiere in Paris.

Megaspektakel "Dau" - in Berlin verboten, in Paris gefeiert

In Berlin war es aus Sicherheitsgründen gescheitert.Die Franzosen nennen "Dau" ein "Monsterprojekt". Ganz Paris spreche von der Großinstallation des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky, schreibt die Pariser Tageszeitung "Libération". Und das, obwohl es noch gar nicht angefangen hat. Ab Donnerstag soll "Dau" Menschen die Stalin-Ära näherbringen. Das jedenfalls ist die Idee von Khrzhanovsky. Schauplatz werden vom 24. Januar bis zum 17. Februar das Théâtre du Châtelet, das Théâtre de la Ville de Paris - beide werden derzeit renoviert - und das Centre Pompidou sein. Sicher sind die drei Institutionen nicht zufällig gewählt, denn sie liegen fußläufig voneinander entfernt. Der Name "Dau" nimmt auf den russischen Nobelpreisträger Lev Landau (1908 bis 1968) Bezug, der mit Spitzname Dau genannt wurde. Khrzhanovsky wollte eigentlich mal ein Biopic über den Physiker drehen. Der Regisseur entschied sich aber um und ließ stattdessen eine von Landaus Leben inspirierte sowjetische Wissenschaftsstadt in der Ukraine nachbilden.

400 Menschen in einem wissenschaftlichen Experiment

"Dau" ist eine Art Dokumentarfilm darüber geworden, der das Leben von rund 400 Menschen in einer simulierten Welt der stalinistischen Vergangenheit aufzeichnet. Die wenigsten der Protagonisten waren Schauspieler. Sie spielten sich selbst, drei Jahre lang, von 2009 bis 2011 in einer künstlichen Welt. Es gab richtige Köche, Bettler oder Wissenschaftler, die dort lebten und arbeiteten. Kleidung, Essen, Wortschatz - alles stammt aus den Jahren 1938 bis 1968. Die Kosten des aufwendigen Projekts - laut Medienberichten "mehrere Dutzend Millionen Euro" - wurden fast vollständig von dem russischen Oligarchen Serguei Adoniev übernommen. "Man kann nicht einmal sagen, dass sie gespielt haben; man muss den Begriff überdenken", sagte Ruth Mckenzie, künstlerische Leiterin von Le Châtelet, einer der drei Standorte, an dem "Dau" in Paris stattfinden wird.

In Berlin ist Dau gescheitert

Eigentlich sollte "Dau" schon im vergangenen Herbst in Berlin starten. Khrzhanovsky hatte geplant, ein komplettes Stadtviertel am Boulevard Unter den Linden für sein Kunstprojekt mit einer Mauer einzufassen. Doch die Berliner Behörden genehmigten diese Stadt in der Stadt nicht - aus Sicherheitsgründen. Außerdem hagelte es auch Proteste von Politikern, die am pädagogischen Mehrwert von "Dau" zweifelten.

Das Pariser "Dau" soll eine Mischung aus Ausstellung, Multimedia-Installation und Filmpräsentation werden. Es geht dem Regisseur um Immersion, um ein Eintauchen in eine Parallelwelt, in der es begeh- und erlebbare Kunstwerke gibt. Die Themen sind Unterwerfung, Überwachung, kurz die Erfahrungen des Totalitarismus. "Es fehlt ein Wort, um 'Dau' zu erklären, wir haben es noch nicht gefunden", sagt Martine d'Anglejan-Chatillon, Executive Producer von "Dau". "Aber ich habe das Gefühl, dass dies ein Schlüsselprojekt ist, das die Art und Weise verändern wird, wie das Publikum eine künstlerische Erfahrung macht", sagt sie.

Die 14 Filme, die der 43-jährige Regisseur aus insgesamt 700 Stunden Rohmaterial gefertigt hat, laufen rund um die Uhr. Die Theatersäle wurden zu Kulissen umgestaltet, die dem Lenin-Zeitalter nachempfunden sind: Büsten von Karl Marx, Porträts von Lenin und russisches Mobiliar sollen für eine authentische Atmosphäre sorgen. "Historienmalerei im Kino und Sozialexperiment" hat es die Presse genannt. Prominente Künstler beteiligten sich an dem Sozialversuch ebenfalls und übernahmen Rollen in dem Film. Dabei sind etwa die Performance-Künstlerin Marina Abramovic und der deutsche Bildhauer Carsten Höller.

"Dau" bietet Staraufgebot

Auch ein paar französische Kinostars wurden in das Projekt eingebunden: Isabelle Huppert, Fanny Ardant und Gérard Depardieu liehen der französischen Übersetzung ihre Stimmen. Im Wesentlichen handelt es sich also um einen Film, der aber das Format der Leinwand sprengt. Zusätzlich zu den Filmvorführungen treten Szenestars wie der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis, der britische Ambientpionier Brian Eno oder Massive Attack in Überraschungskonzerten auf. Weil "Dau" nicht nur ein flüchtiges Spektakel, sondern ein eigener Kosmos sein möchte, werden die Besucher aufgefordert, ein Visum zu beantragen. Es kann für sechs, 24 Stunden oder für eine unbegrenzte Zeit gelten und kostet zwischen 35 und 150 Euro. Dafür müssen die Besucher Fragen beantworten, manche gehen ins Intime. "Wurden Sie in Ihrer Kindheit missbraucht", lautet eine von den Fragen. Ein Eintauchen in die Welt "Dau" geht nur ohne eigenes Smartphone. Es muss am Eingang gegen das "Dau-Telefon" eingetauscht werden. Dieses navigiert die Besucher durch das Spektakel, führt sie auf einer Zeitreise zurück in die Geschichte Russlands. Nach dem Spektakel können sich die Besucher interviewen lassen. Sie können wählen zwischen einem Gespräch mit einem Psychologen, einem Schamanen aus Sibirien oder Polizeikräften. Oder sie trinken einfach nur Wodka.

Nach Paris macht "Dau" auch in London Station.
Autor: Sabine Oelze (mit AFP)